Der letzte Tag in meinen Leben

von Brigitte

Foto von Doris

Letzte Nacht war ich wieder einmal so tief traurig. Ich hörte meine Lieblingsarien, die ich seit dem Tod meines Mannes nicht mehr gehört hatte. Auf einmal war mir die Beerdigung wieder ganz nah und ich trug die Urne zum Grab. Sie war ja wunderschön geschmückt mit einem Urnenkranz aus blauen Blumen. Ich habe die Urne selbst getragen und ich fühlte eine ganz starke Verbundenheit mit meinem Mann, so als wollte er in mich hinein kriechen. Alles war wieder präsent und ich mußte weinen.

Dann dachte ich so über das Leben nach, wie sich meines seit dem entwickelt hat und ich dachte die Richtung habe noch nicht gefunden. Ich bin noch am verarbeiten der Trauer und des Verlustes. Denn leider kann ich ihn noch nicht wirklich wahrnehmen.
Dann sann ich drüber nach, wie denn der letzte Tag war, als ich noch meinen geliebten Mann an meiner Seite hatte.

Ich war alleine am Markt, da er sich nicht so ganz wohl fühlte und ich doch immer mit den Verkäufern ein wenig plauderte.
Ich habe normal gekocht und meinem Mann hat es geschmeckt. Am Nachmittag gab es wie immer Kaffee und ein Stückchen Süßes, für meinen Mann was mit Schokolade, die er über alles liebte.
Auch der Abend war normal und wir haben uns noch einen Film gemeinsam angesehen und dabei viel gelacht.
Mein Mann hat dann das Bett im Wohnzimmer aufgeschlagen, da er noch Nacht was im Fernsehen anschauen wollte und mich nicht später aufwecken wollte. Er hat auch in letzter Zeit immer gehüstelt und so wollte er zum ersten mal nach langer Zeit wieder im Wohnzimmer schlafen.
Ich habe ihn dann noch nach Mitternacht gehört und in der Früh lag er dann ganz friedlich auf der Couch und war gegangen.

Nun, wir sollen doch jeden Tag so genießen als wenn es der letzte wäre. Doch was hätte ich anderes gemacht, hätte/n ich oder wir es gewußt?
Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte wir uns noch mal geliebt oder nur festgehalten? Wahrscheinlich wären wir voller Angst gewesen vor dem Ungewissen und was kommt dann usw.
Auf keinen Fall hätten wir Fernsehen geschaut und dabei gelacht und wären nicht so entspannt ins Bett gegangen.
So ist es schon gut, daß wir den Zeitpunkt nicht wissen.

Heute kann ich den Tag aber auch noch nicht so genießen, als wenn es mein letzter wäre. Das liegt einfach nicht in mir. Ich höre den Vögeln zu und freue mich, ich bemühe mich keine Tier zu zertreten, achtsam zu sein gegenüber der Natur und auch natürlich meinen Mitmenschen.
Das habe ich aber immer schon getan, das hat sich nicht geändert.
Ich liebe die Natur und gehe mit offenen Augen durchs Leben. Ich bin wißbegierig und lerne gerne. Lese sehr viel und höre auch gerne zu.
Ich glaube besser kann man doch seine Zeit nicht nützen und wenn da auch der letzte Tag in meinem Leben sein sollte, was soll ich denn besser machen?

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10 Responses to Der letzte Tag in meinen Leben

  1. Kirstin says:

    Liebe Brigitte,

    ja, als mein Mann damals rüberging, da hätte ich mich glaub ich gefreut, wenn ich es gewußt hätte. Vielleicht nicht genau den Tag, aber das es zu Ende ging. Soviel, was nicht gesagt wurde. Und ich war nicht da in seinen letzten Stunden. Das ist mir eine lange Zeit sehr schwer gefallen. Vor allem, wo wir auch alle nicht gewußt haben, was eigentlich passiert ist.

    Und wenn ich heute wüßte, es wär mein letzter Tag, würd ich glaub ich mich sehr auf einen entspannten Übergang vorbereiten.

    Danke Dir für diesen Text.

    Liebe Grüße von Kirstin

    • Brigitte says:

      Liebe Kirstin!
      Diese Gedanken gingen mir auch oft schon durch den Kopf, vor allem, da er ja im Nebenraum schlief. Wäre er neben mir gelegen, hätte ich es , glaube ich , gemerkt und alles versucht ihn zu halten.
      So aber konnter doch in Ruhe gehen und wie ich durch ein Engelmedium erfahren durfte, war er selbst überrascht, als er auf der anderen Seite war.
      Ich weiß auch nicht, ob eine Reanimation für einen Sterbenden so toll ist.( was ich sicher getan hätte, da ich ja aus diesem Beruf komme)
      So jedenfalls ist es für mich sehr beruhigend, daß mein geliebter Mann so in Ruhe und Würde gehen konnte.
      Und alles was ich ihm noch sagen will, sage ich auch und ich glaube er hört es.
      Alles Liebe Brigitte

  2. LIebe Brigitte,
    nichts ist je “besser zu machen” – doch ich verstehe dich, glaub ich, in deiner Frage und in deinen Gefühlen sehr gut. Ich wünsche dir vor allem Genuß-Bereitschaft und Annahme-Bereitschaft. Ach, du Liebe, manchmal gilt es einfach nur, die nächsten Tage irgendwie zu überstehen . Und dabei bekommen wir von irgendo her Hilfe – davon bin ich fest überzeugt!!!
    Herzlichst MarIna

    • Brigitte says:

      Liebe Marina!
      Mir haben zwei ganz unterschiedliche Freunde jeweils ein fast identisches Gebet vom Sufiorden gegeben, das diese Mönche 40 Tage lang für den Verstorbenen beten, und das habe ich gemacht und es hat unglaublich viel geholfen.
      Doch, Hilfe kommt von überall her.

      Alles Liebe
      Brigitte

  3. Ralph says:

    Hallo Brigitte!

    Alles, was “Hello” sagt, wird auch “Good bye” sagen. Aber da ist etwas, das kann nicht verschwinden … in dessen Präsenz sich das ereignet, was erscheint und das was verschwindet. Wenn Du das findest, findest Du: Ich bin hier. Ich bin das.

    All dieser (gedankliche) Lärm hält an. Alle Zweifel, die (gedanklichen) Geräusche/Störungen aus der Intention, der Enttäuschung, alles hält an.

    Stille ist nur ein anderer Aspekt, ein anderer Name für Dich, wer Du bist, was Du bist.

    Mir ist alles recht. Was auch immer das Leben bringt, es macht mir nichts aus.

    Du bist nicht der sich bewegende Teil.”

    Übersetzter Auszug aus “Silence is Your Name _ Mooji”:

    Vielen Dank, dass Du mich mit Deinem Blog-Beitrag wieder daran erinnert hast.

    Ralph

  4. Brigitte says:

    Lieber Ralph!
    Da sagst Du was Wahres.Danke für das Video.
    Mein Mann ist ja nicht wirklch gegangen, er hat nur seine Präsenz verändert.
    Ich kann ihn ja doch öfter spüren, vor allem riechen, denn ich kann hellriechen.
    Alles Liebe
    Brigitte

  5. Angelika says:

    Liebe Brigitte,
    ich glaube dass es eine Gnade ist nicht zu wissen wann die Zeit gekommen ist. Dass die Seele weiterlebt, konnte ich durch meinen Vater erfahren, der es mir nach seinem Tod zeigte und er war jung und glücklich. Auch unser Schmerz wird im Laufe der Zeit leichter und zu wissen dass der eine Teil irgendwo weiterlebt und es ein Wiedersehen gibt, war für mich immer schon ein großer Trost. Es gibt für uns hier nicht viele Worte die in dieser Zeit helfen, es sind wohl mehr die kleinen Gesten die wertvoll sind und derer gibt es so viele.
    Fühle dich liebevoll umarmt in deinem Schmerz

  6. Ralph says:

    Hallo Brigitte,

    noch bevor ich Deinen Beitrag heute früh gelesen habe, hat mich der Titel an einen Vortrag von Eckhart Tolle erinnert (weiß leider grad nicht mehr, welchen). Damals haben mich seine Worte zum Thema “mein Leben” derart getroffen, dass ich diesen Teil mitgeschrieben habe – habe ihn nur heute früh nicht gleich gefunden. Jetzt hab ich nochmal gekramt, ihn gefunden und für Dich und alle Leser aus dem Englischen übersetzt:

    „Mein Leben! Das ist ein Bruchstück der Phantasie. So etwas wie mein Leben gibt es nicht. Ich habe kein Leben. Wie könnte ich? – Was bedeutet das: Ich habe ein Leben? Ich bin Leben. Ich bin ein Ausdruck des einen Lebens, des einen Bewusstseins, des Daos – es kurz ausdrückend durch diese Form. Und die gesamte Kraft allen Lebens ist hier. Warum irgendeine mentale Struktur haben, die mir ein Empfinden von Identität gibt, die mir sagt wer ich bin: Mit Definitionen und Bewertungen und ‚nicht gut genug‘ oder ‚besser als‘? Unnötiger Ballast, das ist Herumlaufen mit unnötigem Ballast: Mein Leben ist so schwer und so hart – I habe ein beschwerliches Leben. Wo ist Dein beschwerliches Leben in diesem Moment? Ich kann es nicht sehen. Es existiert nur, wenn ich beginne darüber nachzudenken. Es ist eine erdachte Existenz, unreal.

    Und dann glaubst Du sogar, dass Du Dein Leben verlieren könntest. Er verlor sein Leben. Er muss getrennt vom Leben gewesen sein. Wer war er, wenn nicht Leben? Ohne Leben ist er nicht; konnte er nicht gewesen sein. Du kannst nicht lebendig sein. Du kannst Dich nicht vom Leben trennen und sagen: Ich habe ein Leben. Wer bist Du dann, getrennt vom Leben? Was ist das, anders als Leben? Gut: Ich – das ist Leben. Aber Du hast es nicht – Du bist es. Der Verstand erzählt Dir, dass Du es hast: Verrückt – aber normal; normal und verrückt.“

    Bei mir haben diese Worte, als ich sie vor knapp zwei Monaten gehört habe, tiefe Spuren hinterlassen – der darin enthaltene Paradigmenwechsel kann ja absoluter kaum noch in Worte gefasst werden.

    Vielen Dank für’s Erinnern,
    Ralph

  7. elke says:

    Liebe Brigitte, Deine Gedanken zum Abschied sind wie Balsam für die Seele. Vor über 30 Jahren hatte ich meinen Mann verloren, er starb in jungen Jahren an Krebs. All meine unwissende, bewusstlose Liebe hat geklammert. Ich wollte ihn nicht verlieren und ich weiss heute, dass ich ich ihm damit seinen vorgezeichneten Weg erschwert hatte. Viel liebevoller ist es loszulassen, in Liebe. Heute fühle ich unsere gemeinsame Zeit viel unbeschwerter als grosses Geschenk und bereits vielfach habe ich mich in Gedanken bei ihm dafür bedankt, und seinen Seelenweg freigegeben. Und seitdem ich so frei darüber fühle, erlebe ich in Träumen gemeinsame Erlebnisse, wo ich manchmal denke, sind wir irgendwo doch noch verbunden ? Das Leben geht weiter, neue Liebe sitzt in meinem Herzen, doch die alten Erfahrungen bleiben ungelöscht. Und sie werden unbeschwerter und schöner, wenn man sie einfach loslässt und dankbar in sich behält.
    Liebe Grüsse Elke !

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