Spießerin aus Überzeugung

von Cali

Liebe Leserin, lieber Leser,

Foto von Ralf

ich wäre im besten Alter mich für die grenzenlose Freiheit des Individuums einzusetzen und das mit Ghettoblaster im Kofferraum. Aber ich habe das schon hinter mir. Mir gehörte schon einmal die Welt, Freiheit in allen Lebenslagen war für mich ein Menschenrecht und jeder, der etwas andere sagte, war ein Spießer. Wenn es einmal mehr über mich kommt, erinnere ich mich daran, wie mein Vater mir folgenden Satz bei jeder Gelegenheit vorhielt und ich ihn dafür, ja, hasste: “Wenn du in dieser Gesellschaft leben willst, musst du ihre Regeln akzeptieren. Das ist die Bedingung.” Ein Stich in mein freiheitsliebendes Herz. Tränen aus Wut und böse Worte aus Enttäuschung.

Wie ich vor einigen Tagen festhielt, bin ich mir treu geblieben und habe mit dem Rückgang gewisser Hormonausschüttungen nicht all meine Überzeugungen über Bord geworfen. Anderes musste ich überdenken und mir einige Irrglauben eingestehen. Dafür habe ich meinen Weg nach innen angetreten. Ich musste akzeptieren, dass meine Freiheit dort endet, wo die des anderen beginnt. Selbiges Verhalten erwarte ich heute von allen Mitgliedern der Gesellschaft, in der ich mich befinde. Leider fühle ich mich genau hier oft betrogen.

Die 24/7 laute Musik meiner Nachbarn bringt mich zur Weißglut. Ihr Spaß kostet mich meine Ruhe. Das ungehemmte Stillen eines zweiwochenalten Babys in einem viel zu vollen Cafe beleidigt mein Auge und ich wünsche mir für mich und das Kind mehr Diskretion. Es gibt geeignetere Umgebungen für ein so kleines Wesen, als eine Mischung aus Schweiß, Parfüm, Milchschaum, Kakaopulver, Kerzenwachs und Stimmen, in allen Tonhöhen und Sprachen. Ich verfluche Verkehrsegoisten. Man blinkt bevor man abbiegt und bequemt sich auch einmal den Rückwärtsgang einzulegen, wenn nunmal nicht zwei Autos durch die enge Gasse passen. Ich wünschte, ich wäre 2,40 m groß und breit, wenn ich mal wieder der Musik anderer Leute und jenen, die es einmal werden wollen, in Bus und Bahn ausgesetzt bin. Mich regt die Sparsamkeit mit “Bitte”, “Danke”, “Hallo” und “Auf Wiedersehen” auf. Und ja, ich habe Angst vor großen Hunden und finde, dass sie Maulkorb und Leine tragen sollten.

Es liegt auf der Hand – ich bin das geworden, was ich nie werden wollte. Eine Vorzeigebürgerin. Eben, das hat aber auch seine Vorzüge. Ich hätte nichts gegen tanzende Leute auf den Straßen, mir ist es so egal, wie wer aussieht und welches Geschlecht er bevorzugt. Mir ist jede Farbe einer Fassade recht, solange sie sorgsam ausgesucht wurde und ich habe Verständnis für die schlechte Laune einer Kassiererin, solange sie vorübergeht. Ist das nichts?

Alles hat seinen Platz. Ganz viel Toleranz auf den Tortenboden der Gesellschaft, aber damit nicht alles an den Seiten runterläuft, ist ein dicker Rand Respekt unverzichtbar. Ich finde, dazu sollte man stehen dürfen.

Auf bald,

Cali

http://calichino.wordpress.com/

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30 Responses to Spießerin aus Überzeugung

  1. Kirstin says:

    Liebe Cali,

    ich finds klasse, daß Du so klar und direkt das schreibst. Wie oft wird grad von älteren Leuten behauptet, “… ja, ja, die jungen Leute von heute …”. Mir ist es völlig egal, wie alt jemand ist, Rücksicht und Respekt kennen kein Alter und sind meiner Meinung nach mit die wichtigsten nach Grundlagen für ein miteinander im Leben.

    Liebe Grüße von Kirstin

  2. Ralph says:

    Hi Cali,

    das klingt für mich, als hättest Du Dir jede Menge Herausforderungen ins Leben geholt.

    Tatsächlich gibt es nur das, was ist. Daneben gibt es noch Vorstellungen, wie etwas sein sollte. Aber genau genommen sind das alles nur Gedanken. Und die Realität schert sich nicht um Gedanken, weder um Deine noch um meine.

    Damit ist keine Bewertung verbunden – das ist einfach eine Tatsache. Wenn ich denke, jetzt sollte etwas anders sein als es ist, habe ich schon verloren. Ende, Aus, Schluss. Anders sieht es aus, wenn ich mithilfe meiner Gedanken die Zukunft gestalte … im Rahmen meiner Möglichkeiten.

    Aber wenn ich denke, der andere sollte mir mit Respekt begegnen … naja, dann stelle ich mir die vier Fragen (http://www.lilith-kartenlegen.de/sammel/work.htm) und drehe es herum. Denn: Was der der andere soll, ist nicht meine Angelegenheit. Entweder begegnet er mir mit Respekt (was immer ich mir darunter vorstelle), oder er tut es nicht. Für mich ist viel wichtiger, dass er mir durch sein Verhalten hilft, meine Bedürfnisse zu klären. So kann ich also für mich selbst feststellen, dass ich ein starkes – und in diesem Moment grad unbefriedigtes – Bedürfnis nach Respekt habe. Aber ich werde den Teufel tun und nun den anderen dafür rekrutieren, dass er mein Bedürfnis erfüllt. Das ist nicht seine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es dann, selbst weiter respektvoll zu reagieren – sowohl dem anderen gegenüber als auch mir selbst gegenüber.

    Ein wesentlicher Schritt scheint mir – das habe ich bei der Beschäftigung mit der gewaltfreien Kommunikation gelernt – bei sich selbst zu bleiben, auch in der Kommunikation mit anderen. Statt also zu sagen: ‚Ich erwarte von Ihnen einen gewissen Respekt!‘ Würde ich heute so kommunizieren: Wenn Sie diesUnddas tun, dann fühle ich mich mies (oder was auch immer), da mir Respekt sehr wichtig ist (und Respekt bedeutet für mich xxx). Daher bitte ich Sie um yyy (nicht “um Respekt”, sondern um etwas ganz konkretes, wo für den anderen klar, ist, was er tun kann, um Deine Bitte zu erfüllen – also z.B. die Musik jetzt leiser zu drehen).

    Wenn der andere dann Nein sagt, sollte ich auch damit leben können – wie schon gesagt, es ist ja nicht seine Aufgabe, mein Bedürfnis zu befriedigen. Andererseits steckt hinter jedem Nein auch wieder ein unbefriedigtes Bedürfnis. Je nachdem, wie Du drauf bist, kannst Du jetzt natürlich empathisch reagieren um herauszufinden, worum es sich da handelt. Vielleicht lässt sich daraus ja eine Win-Win-Situation erzeugen, in der jeder (freiwillig – aus tiefstem Herzen) die Bedürfnisse des anderen erfüllt.

    Eine Frage, die hier jüngst schon mal erwähnt wurde, ist:

    Was würde die bedingungslose Liebe an meiner Stelle tun?
    – Würde sie eine Meinung haben?
    – Würde sie unterscheiden zwischen wichtig und unwichtig?
    – Würde sie unterteilen in angemessen und unangemessen?
    – Würde sie urteilen?
    – Würde sie etwas wollen?
    – Würde sie etwas fordern?

    Es ist so leicht, von anderen zu erwarten, dass sie sich so oder anders verhalten sollten … und doch sind die anderen immer wieder nur ein Spiegel. Tue selbst, was Du meinst dass andere tun sollten – dann bist Du die Erste und unser aller Vorbild. Wenn Du etwas von uns willst, wirst Du auf Granit beißen. Wenn Du uns aber zeigst, wie man auch leben kann, werden Dir viele von uns bereitwillig folgen.

    Ramana Maharshi hat auch niemanden zu sich auf den Berg gezerrt …

    Moral, Ethik und Gesetze sind nur ein billiger Ersatz für fehlende Liebe. Wer also nach Moral, Ethik und Gesetzen schreit, hat kein Vertrauen in die Liebe … und damit kein Vertrauen in sich selbst.

    Viel Spaß bei der weiteren Selbsterforschung,
    Ralph

    • calichino says:

      Lieber Ralph,

      danke für deine Bemühungen, die Erklärungen und Anregungen. Ich werde sie, so gut ich kann, auf mich wirken lassen. Ich bin eben noch nicht so weit und finde, dass auch dieser vermeintliche Irrweg, den ich und viele andere mit mir noch durchlaufen, seine Berechtigung hat. Es ist eben noch dieses triviale Leben, das Außen, das was auch immer, das mich beschäftigt und lediglich das ich in der Lage bin zu sehen, zu fühlen und zu beschreiben. So ist es und ob du es glaubst oder nicht, es fühlt sich gar nicht mal so übel an. 😉 Viele Grüße an dich! Cali

      • calichino says:

        Mir ist noch etwas eingefallen: Möglicherweise kann ich den Abstand zwischen der einen und anderen Seite verkleinern und als Brücke für manche Menschen dienen. Ich spreche eine Sprache, die viele verstehen, während sich einige Ohren mit der deinigen sicher schwer tun. Schon dafür lohnt es sich für mich mit einem Bein im “Außen” zu bleiben, denn es gibt hier noch viel zu tun. Derweil schnuppere ich aber gern den frischen Wind, den deine Beiträge mit sich tragen. 😉

      • Ralph says:

        Hi Cali,

        es ist für mich interessant zu lesen, dass Du meine Reflexionen als Bemühungen bezeichnest. Dabei sind es ausschließlich Selbstreflexionen. Ich bin Dir unendlich dankbar für jedes Wort, da es mir die Gelegeheit gibt in mich zu spüren und zu schauen, wo Resonanzen und wo Dissonanzen auftreten. Du bist mein Spiegel – wie jede und jeder andere auch.

        Du hast Deine Berechtigung, so zu sein wie Du bist – genau so wie ich meine Berechtigung habe, so zu sein wie ich bin. Wenn Du meinst, ich wöllte Dich ändern (nur mal als Beispiel) … na, über wen sagt dass dann etwas aus? Über mich oder über Dich?

        Eines habe ich noch: Du schreibst “ich bin noch nicht so weit”. Kannst Du absolut sicher sein, dass das wahr ist? Für mich hört es sich an, als wäre es nur ein Gedanke – eine Art Glaubenssatz. Zu einer solchen Aussage kannst Du nur kommen, wenn Du Dich mit der Form “Cali” identifizierst und Dich dann mit der Form “Ralph” vergleichst.

        Viel Spaß beim Gehirnverknoten,
        Ralph

        PS: Probiere doch mal zu erspüren, was Du fühlst, wenn Du Dinge schreibst wie “das ist ganz süß” (ist es Freude, Überwältigung, Begeisterung?) oder auch “Ich verfluche Verkehrsegoisten.” (ist es Wut, Hass, Abscheu?) und wo Du es spürst (im Bauch, in der Burst, im Hals?).

        • calichino says:

          Puh, Gehirnknoten trifft es. Okay, ich lasse mich drauf ein. Du packst einen ja doch auf die virtuelle Liege. Was sagt das über dich und jetzt wieder über mich? =) Im Bauch und in der Brust. Im Bauch, wenn es schwächere Gefühle sind, in der Brust stärkere und nun? =) Wie geht’s weiter? Ich bin gespannt.

          • Ralph says:

            Lass Dir Zeit. Schreibe mal folgende Sätze weiter, indem Du XXX durch Gefühle und YYY durch Körperregionen ersetzt:

            Wenn ich denke “das ist ganz süß”, dann fühle ich XXX in YYY.
            Wenn ich denke “Ich verfluche Verkehrsegoisten.”, dann fühle ich XXX in YYY.

            Okay?

            • calichino says:

              Macht dir schon ein bisschen Spaß, ne?

              Wenn ich denke “Das ist ganz süß.”, dann fühle ich Freude im Bauch. Wenn ich denke “Ich verfluche Verkehrsegoisten”, dann fühle ich Wut im Bauch.

              Weiter, weiter! =D

              • Ralph says:

                Naja, Dir doch auch, oder? 😉
                Okay, nächste Runde – jetzt fügst Du Deine Beobachtung ZZZ (ohne Wertung) hinzu, also:
                Wenn ich ZZZ lese, dann denke ich “Das ist ganz süß.”, und dann fühle ich Freude im Bauch. Wenn ich ZZZ sehe, dann denke ich “Ich verfluche Verkehrsegoisten”, und dann fühle ich Wut im Bauch.

                • calichino says:

                  Wenn Angelika mich wertschätzt, dann denke ich “Das ist ganz süß.” und fühle Freude im Bauch. Wenn jemand die Spur wechselt oder abbiegt ohne zu blinken, dann denke ich “Ich verfluche Verkehrsegoisten” und fühle Wut im Bauch.

                  Ich hoffe, es machen noch Andere da draußen bei Ralphs Experiment mit. 😉

                  • Ralph says:

                    Der zweite Satz passt – da steht eine Beobachtung. Bitte ersetze doch im ersten Satz das “Wenn Angelika mich wertschätzt” noch mit dem, was Angelika genau getan hat, das dazu geführt hat, Dein Bedürfnis nach Wertschätzung zu befriedigen. Sie hat etwas geschrieben. Was genau von dem, was sie geschreiben hat, hat Dein Gefühl der Freude ausgelöst?

                    • calichino says:

                      Angelika hat meinen Text gelobt? Ich hoffe, das geht klar, dass wir hier die Kommentarseite verlängern und verlängern…

                    • Ralph says:

                      In “gelobt” steckt auch schon eine Wertung. Mach es Dir doch nicht unnötig kompliziert, sondern zitiere einfach. Ich hatte Dir doch schon eine Brücke gebaut, indem ich schrieb: “Wenn ich ZZZ lese” – setze doch einfach den Text, der das Gefühl in Dir ausgelöst hat, in Anführungsstrichen für ZZZ ein. Das ist die Beobachtung – das, was Du gelesen hast. Okay?

  3. Angelika says:

    Cali, du bist erfrischend, regst zum nachdenken an und drückst auf die Tränendrüsen, danke für dein Hiersein :))

  4. Ralph says:

    Hi Cali,

    auf die Aussage Deines Vaters:

    “Wenn du in dieser Gesellschaft leben willst, musst du ihre Regeln akzeptieren. Das ist die Bedingung.”

    hab ich grad ein aus meiner Sicht recht passendes Zitat von Krishnamurti gefunden:

    “Es zeugt nicht von geistiger Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.”

    Wenn ich Krishnamurti höre, läuft es mir immer wieder kalt den Rücken hinunter: diese Eindringlichkeit, dieser Nachdruck, diese Wahrhaftigkeit … ich spüre das Feuer in ihm – und ich spüre das Feuer in mir – und ich weiß: Es ist das gleiche Feuer.

    Ralph

    • calichino says:

      Die Regeln einer Gesellschaft zu akzeptieren bedeutet nicht sich an sie uneingeschränkt anzupassen. Um Gottes Willen! Es ist viel mehr die unabdingbare Voraussetzung für das eigene positive Wirken innerhalb der Gemeinschaft.

  5. NK. says:

    bin auch spießer geworden….aber ich sehe das als pluspunkt.ich meine überall sieht man werte und moral verfall ..wenn zb jemand noch mit 18 jungfrau ist,gilt diese person bei den meisten leuten als nicht normal…jeder hurt rum und es ist ja alles ganz locker und tolerant …und wenn jemand wie ich ein sensibles gehör hat und nicht auf laute “musik” steht,wird man schnell komisch angekuckt..ich meine wenn sie dann wenigstens musik spielen würde ,doch die meisten hören sich nur lauten krach an .warum muß party machen immer so laut und aggressiv sein ?! mann kann sich auch gediegener unterhalten.
    was mich zb auch aus der fassung bringt sind diese “einpark perfektionisten” die ne halbe ewigkeit ihr auto in der parklücke rumlenken …ist wohl typisch deutsch dieser unangebrachte geisteskranke perfektionismus.hätte noch ne endlose liste an das was mich stört..zb türenknallerein und einfach dieses rüde unsensible verhalten.

  6. Kirstin says:

    Klar geht das klar, liebe Cali. Ihr müßt nur hier unten weiterschreiben. 🙂

    Ist doch nett, wenn sich ausgetauscht wird. Machen Doris und ich doch auch grad in meinem Text von gestern.

    Liebe Grüße von Kirstin

    • calichino says:

      Wenn ich “Cali, du bist erfrischend, regst zum nachdenken an und drückst auf die Tränendrüsen, danke für dein Hiersein” lese, dann denke ich “Das ist ganz süß.” und fühle Freude im Bauch. Wenn jemand die Spur wechselt oder abbiegt ohne zu blinken, dann denke ich “Ich verfluche Verkehrsegoisten” und fühle Wut im Bauch.

      Mensch, gar nicht so leicht neutral zu schreiben. =) Jetzt, aber!

      • Ralph says:

        Guten Morgen Cali,

        ja ja, ist gar nicht so einfach …

        Jetzt setze die beiden Sätze doch mal fort, indem Du am Ende jeweils ergänzt: “, weil mir AAAA wichtig ist.”, wobei AAAA ein Bedürfnis beschreibt. Für den ersten Satz hattest Du ja vorhin schon mal von Wertschätzung gesprochen, da könnt der Satz also lauten:

        Wenn ich “Cali, du bist erfrischend, regst zum nachdenken an und drückst auf die Tränendrüsen, danke für dein Hiersein” lese, dann denke ich “Das ist ganz süß.”
        und fühle Freude im Bauch, weil mir Wertschätzung wichtig ist.

        Aber lies auch da selbst nochmal drüber, ob sich das für Dich alles noch stimmig liest.

        Ralph

  7. calichino says:

    Wenn ich “Cali, du bist erfrischend, regst zum nachdenken an und drückst auf die Tränendrüsen, danke für dein Hiersein” lese, dann denke ich “Das ist ganz süß.”
    und fühle Freude im Bauch, weil mir Wertschätzung wichtig ist.

    Wenn jemand die Spur wechselt oder abbiegt ohne zu blinken, dann denke ich “Ich verfluche Verkehrsegoisten” und fühle Wut im Bauch, weil das Befolgen der Regeln im Straßenverkehr unerlässlich ist.

  8. calichino says:

    Wenn ich “Cali, du bist erfrischend, regst zum nachdenken an und drückst auf die Tränendrüsen, danke für dein Hiersein” lese, dann denke ich “Das ist ganz süß.”
    und fühle Freude im Bauch, weil mir Wertschätzung wichtig ist.

    Wenn jemand die Spur wechselt oder abbiegt ohne zu blinken, dann denke ich “Ich verfluche Verkehrsegoisten” und fühle Wut im Bauch, weil mir das Befolgen gesellschaftlicher Regeln wichtig ist.

    • Ralph says:

      So ganz glücklich bin ich über das Bedürfnis “Befolgen gesellschaftlicher Regeln” noch nicht. Was steckt denn dahinter? Welches Bedürfnis hat jemand, wenn er Regeln aufstellt? Regeln gibt es ja nicht, damit sie eingehalten werden – das wäre reiner Selbstzweck. Da steckt mehr dahinter. Wenn ich so darüber nachdenke, dann entecke ich in diesem Zusammenhang ein Bedürfnis nach Sicherheit und Verlässlichkeit in mir. Wie siehst Du das?

      • calichino says:

        Hm, vllt ist es bei mir ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Denn mich regt daran vor allem auf, dass sich jeder daran hält und diese Person sich da bewusst herausnimmt. Sich also ein “Privileg” verschafft.

        …also…weil mir Gerechtigkeit wichtig ist? Oder Gleichheit?

        • Ralph says:

          Vielleicht eher Gerechtigkeit und Fairness? Die Begriffe überlappen sich, aber das macht ja nichts.

          Auf den ursprünglichen Gedanke – das, was Du quasi als erstes in Dir wahrgenommen hast, können wir jetzt verzichten, er war nur ein Wegweiser … dann bleibt folgendes übrig:

          Wenn ich “Cali, du bist erfrischend, regst zum Nachdenken an und drückst auf die Tränendrüsen, danke für dein Hiersein” lese,
          dann fühle ich Freude im Bauch,
          weil mir Wertschätzung wichtig ist.

          Wenn jemand die Spur wechselt oder abbiegt ohne zu blinken,
          dann fühle ich Wut im Bauch,
          weil mir Gerechtigkeit und Fairness wichtig sind.

          Spannend, oder?

          Wir haben also jetzt je ein Beispiel für ein erfülltes und ein unerfülltes Bedürfnis. Das jeweils auftauchende Gefühl (was vielfach durch einen korrespondierenden Gedanke überlagert wird), ist dafür ein Indiz.

          a)
          Gefühl: Freude
          Auslöser: Du liest “Cali, du bist erfrischend, regst zum Nachdenken an und drückst auf die Tränendrüsen, danke für dein Hiersein”
          Ursache: Bedürfnis nach Wertschätung (erfüllt)

          b)
          Gefühl: Wut
          Auslöser: jemand, der die Spur wechselt oder abbiegt ohne zu blinken
          Ursache: Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Fairness (nicht erfüllt)

          Kannst Du Dich jetzt gedanklich bei beiden Auslösern dafür bedanken, dass sie Dir dabei geholfen haben, Dir Deiner Bedürfnisse bewusst zu werden? Wichtig ist dabei zu erkennen, dass tatsächlich Deine Bedürfnisse die Ursache für Deine Gefühle (und Gedanken) sind. Die Auslöser sind lediglich Statisten – Deine Gefühle sind die Botschafter – aber das Ziel sind in jedem Fall Deine Bedürfnisse. Und niemand – wirklich niemand außerhalb von Dir ist in irgend einer Art und Weise dafür da, Dir Deine Bedürfnisse zu erfüllen. Es wird immer Menschen geben, die das tun, und andere, die das nicht tun. Die Verantwortung im Umgang mit Deinen Gefühlen und Bedürfnissen liegt jedoch in jedem Fall ganz allein bei Dir. Gleiches gilt natürlich auch umgekehrt: Die Verantwortung für die Gefühle und Bedürfnisse anderer liegt voll und ganz bei den anderen. Das nennt man dann wohl Eigenverantwortlichkeit.

          Jetzt lass uns doch noch etwas darüber nachsinnen: Jede Medaille hat ja bekanntlich zwei Seiten. So gibt es, wenn wir uns Fall a) betrachten, sicher auch viele Menschen, die Dir keine Wertschätzung entgegenbringen; und es gibt, wenn wir uns Fall b) betrachten, sicher auch viele Menschen, die sich Dir gegenüber gerecht und fair verhalten.

          Was hältst Du davon, jetzt mal all die Autofahrer wertzuschätzen, die sich Dir gegenüber gerecht und fair verhalten? Also in etwa so:

          Liebe Autofahrer, wenn Ihr blinkt, bevor Ihr die Spur wechselt oder abbiegt,
          dann fühle ich XXX in YYY,
          weil mir Gerechtigkeit und Fairness wichtig sind. Danke, dass es Euch gibt.

          Wie fühlt sich das für Dich an – bin schon bespannt, was Du einsetzen wirst.

          • calichino says:

            Liebe Autofahrer, wenn ihr blinkt bevor ihr die Spur wechselt oder abbiegt, dann fühle ich Dankbarkeit im Bauch, weil mir Gerechtigkeit und Fairness wichtig sind. Danke, dass es euch gibt.

            Normalerweise hätte ich das natürlich nicht so gesehen, da wäre es einfach “selbstverständlich”.. Aber auf diese Weise betrachtet bin ich wirklich dankbar. =)

            • Ralph says:

              Ja, die liebe Selbstverständlichkeit – welch immenser Selbstbetrug. Das erinnert mich – auch wenn es nicht einhundertprozentig passt, an den Spruch

              “selbstsicher, großspurig, faul, tot”
              (Das Mantra des Alten Mannes – Tad Williams, OtherLand)

              Wenn ich eines gelernt habe, dann dass nur eines wirklich selbstverständlich ist: Ich bekomme immer genau das, was ich brauche (aber nicht das, was ich will).

              Ansonsten ist nichts – aber auch gar nichts selbstverständlich … lediglich der Verstand gaukelt uns diese Sicherheit vor. Sicherheit ist eine Illusion.

              Und nun hast Du noch einen weiteren Grund, den Egoisten unter den Autofahrern dankbar zu sein: Sie haben Dich (und mich, und uns alle) daran erinnert, dass nichts wirklich selbstverständlich ist. Magst Du es mal versuchen?

              Liebe Autofahrer, wenn ihr die Spur wechselt oder abbiegt ohne zu blinken, dann erinnert ihr mich daran, dass nichts wirklich selbstverständlich ist, und ich fühle XXX im YYY (wenn ich mich da jetzt hineinfühle, spüre ich Dankbarkeit im Herzchakra und Demut im Kronenchakra), weil mir Achtsamkeit wichtig ist, Achtsamkeit insbesondere der Tatsache gegenüber, dass nichts selbstverständlich ist. Danke, dass es euch gibt.

              Das eigenartige ist: Je selbstverständlicher uns Dinge werden, je mehr wir uns in Sicherheit wägen, umso deutlicher werden die Zeichen, die uns darauf hinzuweisen versuchen, dass dem nicht so ist. Weise, wer bereits die ersten Zeichen richtig deutet … grad jetzt durch unseren Dialog hier wird mir plötzlich die Bedeutung eines Zeichens klar, über die ich schon immer mal wieder nachgesonnen habe (der Autounfall, über den ich an anderer Stelle berichtete).

              Ich möchte daher die Gelegenheit sofort nutzen, Dir zu danken: Für unseren Chat, für Deine Aufmerksamkeit, für Deine Hingabe, für Deine Bereitwilligkeit, mir bei dieser Selbsterkundung zu vertrauen und zu folgen – und nun auch dafür, dass durch diesen Dialog ein weiterer Schleier gefallen ist – der Zusammenhang ist so was von deutlich, einfach unglaublich:

              Unfallfreie Fahrt ist genauso wenig selbstverständlich wie die Offenheit und Kommunikationsbereitschaft eines Menschen. Der Unfall hat mich „kalt erwischt“, kam völlig aus dem „Nichts“. Das hätte mich ja hinsichtlich der Illusion der Selbstverständlichkeit von Dingen wachrütteln können. Tat es aber nicht: Daher hat es eines noch stärkeren Zeichens bedurft, das mich ebenso unerwartet im August 2010 traf: Der völlige Kommunikationsabbruch eines geliebten Menschen, der mich nahezu restlos Boden zerstört hat. (Wenn Du aufmerksam liest, was ich hier sonst schon so geschrieben habe, wirst Du wissen, wovon ich spreche.)

              Der Punkt ist nur: Wenn mir Ende 2009 jemand dieses erste Zeichen (den Autounfall) auch nur versucht hätte zu erklären: Ich hätte ihn ausgelacht. Wie war das nochmal: “selbstsicher, großspurig, faul, tot”.

              In Liebe und Demut,
              Ralph

  9. calichino says:

    Liebe Autofahrer, wenn ihr die Spur wechselt oder abbiegt ohne zu blinken, dann erinnert ihr mich daran, dass die Fairness, die mir oft begegnet nicht selbstverständlich ist. Nun fühle ich Dankbarkeit im Bauch. Danke, dass es euch gibt!

    Und danke an dich Ralph!

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