Das Gespräch der Tannenbäume

Im tiefen Wald auf einer kleinen Anhöhe lebten drei Tannenbäume. Der eine stand schon seit ewigen Zeiten dort. Er war etwas schief und unregelmäßig in seinen Ästen und Nadeln. Der zweite war sehr kräftig und grade gewachsen. Man sah ihm an, daß er bereits einige Jahre dort stand. Und bei ihnen stand ein dritter, noch sehr klein, hatte sich irgendwie selbst dorthin versät.

Diese drei waren gute Freunde geworden. Sie unterhielten sich stets sehr angeregt. Im Moment ging das Thema um das bevorstehende Weihnachtsfest. Der kleine Baum hatte schon seit einiger Zeit große Angst, daß die Menschen kommen und ihn holen würden. Er sprach sich bei seinen beiden großen Freunden aus.

Der erste Baum erzählte: „Ja, ich versteh dich so gut. Ich selbst hab immer Glück gehabt. Da ich für die Menschen so krumm und schief aussehe, haben sie schon seit Jahren kein Interesse an mir. Sie lassen mich links liegen und gehen zu den frischen, gut gewachsenen Baumbrüdern. Ich bin jedes Jahr zutiefst verschmerzt, wenn ich sehe, wie unsere Geschwister einfach abgeholzt werden. Nur, damit die Menschen ein paar Tage etwas grünes in ihrer Wohnung haben. Und danach sind die Bäume nur noch im Weg und werden einfach achtlos auf den Müll geworfen.“

Die beiden anderen nickten betrübt.

Jetzt meldete sich der zweite Baum zu Wort. „Also ich hab eine so schöne Geschichte zu erzählen. Vor einigen Jahren hatte ich die selbe Angst wie du, mein Kleiner, als es auf Weihnachten zuging. Aber an einem Tag im November, es war noch nicht so kalt und die Sonne schien, da kam ein kleines Mädchen mit ihrer Mutter hier in den Wald. Mina hieß die Kleine. Sie spielte und tobte und hatte so viel Spaß. Ihre Mutter lächelte ihr die ganze Zeit hinterher. Und auch ich freute mich an ihr. So sollten die Menschen alle leben.

Bei ihrem rumtoben kam sie auch bei mir vorbei. Mit einmal blieb sie stehen und schaute mich an. Ganz aufgeregt rief sie nach ihrer Mutter. „Mama, schau, dieser schöne Tannenbaum. Sowas hab ich noch nie gesehen.“ Die Mutter antwortete: „Ja, den werden die Menschen wohl bald schlagen, damit sie ihn als Weihnachtsbaum bekommen können.“

Mina erschrak und fing an zu weinen. „Mama, können wir bitte was tun und diesen schönen Baum retten?“ Beide überlegten. Mina hatte mit einmal eine Idee. „Mama, ich werd aus rotem Band ganz viele Schleifen basteln. Die hänge ich hier alle an die Zweige. Und ich frag Papa, ob er mir ein paar große Schilder malt. Darauf soll stehen: Dieser Baum ist schon reserviert für Mina. Ich will auch nichts anderes zu Weihnachten geschenkt kriegen. Schenken wir diesem schönen Baum sein Leben.“

Die Mutter freute sich sehr. Am Abend besprach Mina ihren Wunsch ganz aufgeregt mit ihrem Vater. Auch der freute sich, fand das eine ganz tolle Idee und malte sofort die Schilder. Sehr bald darauf gingen sie alle drei wieder in den Wald und kamen auch sofort wieder zu mir. Mina und ihre Mutter hatten all die roten Schleifen in den Händen. Und der Vater trug die Schilder. Sie befestigten Schleifen und Schilder an mir. Und tatsächlich – es half. Die Menschen kamen zu mir, sahen die Schilder und gingen weiter. Das machen Mina und ihre Eltern nun jedes Jahr. Zuerst hatten sie zuhause einen kleinen Baum im Blumentopf, den sie später ausgepflanzt haben. Heute lassen sie es zu Weihnachten ganz und gar mit dem Baum und stellen nur überall Kerzen auf. Und dadurch bin ich bis heute am Leben geblieben.

Und laß uns sehen, mein Kleiner, wenn Mina und ihre Mutter das nächste Mal kommen. Wir besprechen es mit ihr. Vielleicht findet sie ja in ihrer Schule ein paar Mitstreiter, damit wir dich und weitere Baumgeschwister retten können.“

Da war der kleine Baum ein bisschen getröstet. Und hoffte, daß Mina weitere Mitstreiter für die Rettung der Tannenbäume finden würde.

Und ich schreibe diese Geschichte auf, weil ich ebenfalls hoffe, Mitstreiter zu finden, die nachdenken und vielen, vielen Bäumen das Leben schenken. Wenigstens zu Weihnachten.

Advertisements

About Kirstin

Was möchte ich mit dieser Seite erreichen? Ich selber halte mich für einen ganz normalen Menschen. Ziemlich viel passiert im Leben. Immer auf der Suche nach Glück – oder zumindest Ruhe und Gelassenheit und innerer Zufriedenheit. Mein Weg führte mich irgendwann zur Spiritualität – zum Glück. Aber es musste erst viel passieren. Für mich ist es aber bis heute manchmal nicht so leicht, das, was ich theoretisch für gut und richtig befinde, auch praktisch in mein Leben einzubauen. Und da haben mir in der Vergangenheit Texte geholfen, die die Dinge einfach beim Namen genannt haben. Die mich einfach da abgeholt haben, wo ich stand. Na ja, und das möchte ich einfach gern weitergeben. In meiner eigenen Art, einfach so, wie ich denke. Ohne großen literarischen Anspruch. http://unsereneueerde.blogspot.de/
This entry was posted in Allgemeine Texte. Bookmark the permalink.

3 Responses to Das Gespräch der Tannenbäume

  1. Angelika says:

    Danke liebe Kirstin,
    es geht locker ohne echten Baum. ich benutze schon seit Jahren keinen mehr und niemanden fehlt was. Ist doch nur der Verstand der das alles braucht und den Schmuck kann man auch kreativ in der Wohnung anbringen 😀

  2. Doris Kleiner says:

    Wie wahr! Diese Weihnachtsbaum und Glaskugel-Schmuckorgie ist doch etwas völlig aufgesetztes, was unsere Ur-Großeltern überhaupt nicht kannten. Erst die werbewirksame Wirtschaft machte ein Geschäft daraus. Mit der gemeinten Weihnacht hat das alles nichts zu tun.
    Es geht auch wunderbar mit ein paar frischen Tannenzweigen oder Korkenzieherhasel ….oder …..

    Dieses Thema vergrämt mich jedes Jahr und ich mag nicht mehr drüber sprechen.
    Herzlichen Gruß von Dodo

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s